Cynthia Schwertsik

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Hoch 3
Von Elke Krasny

Eine Frau hebt ab. Sie springt in den Raum. Ihr Schatten fällt auf Pflastersteine. Sie hält einen Besen fest, lenkt den Blick des Betrachters. Der Blick springt durch den Raum, fällt auf die Fassade. Mit Hexerei hat das nichts zu tun. Cynthia Schwertsik versetzt den Raum in Bewegung, ohne  Kamerafahrt. Die Spannung zwischen dem, was so einfach aussieht und dem, was die Hexe suggeriert, wird durch die Bewegung des Körpers in Raumerfahrung übertragen.
Bewegung ist ein zentrales Thema in der Arbeit Cynthia Schwertsiks. Bewegung imprägnierte die Koordinaten ihres Lebens. Wirft man einen kurzen Blick auf die Stationen ihres Werdegangs, so lesen sich diese wie ein galoppierender Vorbote auf heutige, von der Globalisierung erfaßte Lebensläufe. Geboren in Wien, aufgewachsen in Kalifornien, in Südengland, in Schweden. Dann in Salzburg, auf dem Land. Dort hat sie sich zum ersten und einzigen Mal wie eine Migrantin gefühlt, sagt Cynthia Schwertsik. Dort hat sie studiert : Textildesign. Die Liebe zum Haptischen, zum Material, zur Gestaltung ist ihr auch geblieben. In Graz und Wien studierte sie weiter : Kunst und Tanz. Heute lebt sie mit ihrem Mann, dem Bildhauer Red White, im Wechsel in der Bourgogne, Frankreich, in Adelaide, Australien und in Wien.
Ihre Auftrittsorte reichen von Wien bis Frankfurt, von Paris bis Kopenhagen, von New York bis St. Petersburg. Cynthia Schwertsik ist viel herumgekommen, hat viel gesehen und ein großes Interesse für Arbeiten mit dem Körper und dem Raum.
Der Sprung mit dem Besen in den konnotierten Raum evoziert ein anderes, ein Bild in Schwarz-Weiß aus dem kunsthistorischen Fundus. Ein Bild, auf dem ein Mann den Absprung wagt, vom Fensterbrett. Ich denke an den Sprung in die Leere von Yves Klein im Jahr 1960. Ein Mann im Raum lautete der Titel der Performance, die Skulptur vom Sockel befreien, das Anliegen seiner Vorgehensweise. Der Maler des Raumes muß in den Raum gehen, um ihn malen können, er muß aus eigener Kraft gehen, sich vor Ort aufhalten. Kurz, er muß in der Lage sein, in die Luft aufzusteigen.
Yves Klein springt in die Leere, Cynthia Schwertsik springt ins Konkrete. Sie läßt Raum entstehen, mit und durch ihren körperlichen Einsatz. Und so lässt sich das Motiv des Absprungs in den Raum wie ein Motiv ihrer Arbeitsweise lesen. Körper und Raum, Menschen im Hier und Jetzt, und der Schatten, den die Menschen, die Dinge, in den Raum werfen, das sind ihre Themen, immer wiederkehrende Motive in ihrer Arbeit, so unterschiedliche materielle Formen und Ausgestaltungen diese auch annehmen mögen. Die Fixpunkte verlieren sich, die Anhaltspunkte für den Blick ebenso. Die Wahrnehmung verliert sich im Chaos, feststehende Perspektiven geraten ins Wanken. Und wie beim Absprung mit  dem Hexenbesen verhält sich auch in der Arbeit ZENTRIFUGE ihr eigener Körper, der den Antrieb und die Bewegung induziert. Hier geht es nicht um hochtechnisierte Fortbewegung sondern um scheinbar einfache Dinge, die Komplexität entfalten und sich nicht auf ein technisches Instrumentarium als Prothesen des Körpers verlassen.

zentrifuge7Das Raum-Nehmen ist auch ein biografisches Anliegen von Cynthia Schwertsik, die ihr erstes Kind, Sohn Max, nicht als Fixierung auf Heim und Herd und Heile Welt konstitieren wollte, denn Muttersein bedeutet in unserer Gesellschaft Zu-Hause-Sein, Aus-geschlossen-Sein vom öffentlichen Raum oder Zuweisung an bestimmte Räume in der Öffentlichkeit, wie Parks, Kaufhallen, Kinderspielplätze. Stattdessen gab sie dem Verlangen nach, mit ihrem lauten und beschwerlichen Vehikel, der ZENTRIFUGE, Raum zu nehmen. Sie hat GROßE WÄSCHE an öffentlichen Orten aufgehängt und WEIß WASCHEN variiert, eine Aktion, die sie immer wieder durchführt. Sie sagt, es sei sehr anregend, weil ich einen Service anbiete und mit Menschen über Politik, Geld und Kunst reden kann und obendrein Kunst-Objekte entstehen.
In allen Arbeiten von Cynthia Schwertsik spielt der Schatten eine große Rolle. Mit ihrem ABSPRUNG zeichnet sie einen Schatten auf den Boden, die ZENTRIFUGE wirft Raum- und Körperschatten und auch in ihrer zeichnerischen und malerischen Arbeit spielen die Schatten eine zentrale Rolle.
In seiner NATURALIS HISTORIA schreibt der römische Historiker und Schriftsteller Plinius der Ältere, der der Überlieferung zufolge von 23 bis 79 vor Christus lebte, über den Ursprungsmythos der Malerei. Der nachweisbare Ursprung der Malerei bleibe ungeklärt, aber das Gros der Vorfahren, die Ägypter, Griechen und Korinther glaubte, man habe zuerst den Schatten eines Menschen mit Linien nachgezogen. Deshalb sei die erste Malerei so beschaffen gewesen, daß wir sie mit Strichfiguren assozieren, die nächste habe nur je eine Farbe verwendet und sei deshalb die Einfarbige genannt worden.
Der griechische Schatten-Mythos erzählt die Geschichte einer jungen Frau und ihres abwesenden Geliebten. Diesen Ursprungsmythos der Malerei als Schattenriss nimmt Plinius in die Plastik auf. Mit einem Erzeugnis gleichen Erdmaterials erfand in Korinth der Töpfer Butades aus Sikyon als Erster ähnliche Bilder aus Ton und zwar mit Hilfe seiner Tochter, die aus Liebe zu einem jungen Mann, der in die Fremde ging, bei Lampenlicht an der Wand den Schatten seines Gesichts mit Linien umzog. Und den Umriß füllte dann der Vater mit Ton und machte daraus ein Abbild.
Wie ein heutiger Nachhall zu diesen Ursprüngen des Abbildes lassen sich Cynthia Schwertsiks Bilder lesen, ihre Bilder scheinen immer über den Schatten springen zu wollen. Sie sagen, ich bin da, aber auch nicht ganz, ich bin eingefangen worden, aber ich bin ein Bild, kein Ab-Bild.

(Lektorat : Su Alois)

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